Rezension zur “Anatomie des neuen Kalifats” erschienen

Sep 30th, 2015 | von: | Kategorie: Downloads, Rezensionen

In der aktuellen Ausgabe der “Politischen Studien” (Nr. 463) habe ich von Seite 109 bis 111 ein meines Erachtens sehr lesenswertes Buch rezensiert:

Olivier Hanne, Thomas Flichy de la Neuville: Der Islamische Staat. Anatomie des Neuen Kalifats. Berlin: Vergangenheitsverlag 2015. 180 Seiten. 9,90 Euro.

Nach seiner blitzartigen Ausbreitung im Nordirak im Sommer 2014 und der Ausrufung eines Islamischen Kalifats ist der selbsternannte Islamische Staat (IS) inzwischen zum Inbegriff des international agierenden militanten Islamismus avanciert. Mit dem hier anzuzeigenden Buch unternehmen die beiden französischen Islamismus-Experten Thomas Flichy de la Neuville von der Eliteuniversität l’Ecole Spéciale Militaire de Saint-Cyr und Olivier Hanne von der Universität d’Aix-Marsaille erfolgreich den Versuch, das komplexe Phänomen IS historisch und geopolitisch einzuordnen und auf dieser Basis eine vorsichtige Prognose zu wagen, wie sich die weitere Entwicklung gestalten könnte.

Dass das grenzüberschreitende Islamische Kalifat „nicht aus dem Nichts entstanden“ (13), sondern Ergebnis einer ganzen Reihe klar auszumachender Faktoren ist, thematisiert das erste Kapitel. Die Autoren benennen die willkürlichen Grenzziehungen des Sykes-Picot-Abkommens ebenso wie die laizistischen Bestrebungen der Baath-Partei und opportunistisches Stammesdenken, den seit Jahrhunderten schwelenden Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten ebenso wie die Folgen der amerikanisch-britischen Intervention von 2003 und das faktische Scheitern der beiden moribunden Staaten Irak und Syrien. All dies wird als „Nährboden für die Ausbreitung des religiösen Extremismus unter den Sunniten“ (25) klar herausgearbeitet, der nach mehreren Entwicklungsstufen 2013 dann unter der Führung von Abu Bakr al-Baghdadi in der Gruppierung Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS, Da’ish) eine starke Konzentration erfuhr. Die anschließenden militärischen Erfolge führten nicht nur zu einem anschwellenden Zustrom jihadistischer Kämpfer, sondern am 29. Juni 2014 zur Ausrufung eines Kalifats sowie zur Umbenennung der Organisation und ihres Territoriums in Islamischer Staat. Mit diesen Schritten ist der IS für die Autoren nicht nur endgültig zu einer „unumgänglichen Tatsache“ geworden, sondern durch die Ausweitung der „Kampfzone auf die westliche Welt“ auch zu einem „globalen Problem“ (46).

Dieses Islamische Kalifat, das die postkolonialen Grenzen gesprengt hat und heute „die Grundlagen eines Protostaates mit eigener Verwaltung, eigener Bevölkerung, eigenem Territorium, eigener Ideologie und eigenen repressiven Methoden“ (49) aufweist, nimmt das zweite Kapitel näher in den Blick. Konzis legen die Autoren dar, dass die Wiederbelebung des Kalifentitels keineswegs nur eine historische Reminiszenz, sondern ein „politisches Aktionsprogramm samt religiöser Legitimation“ (53) darstellt. Die historische Tragweite dieses „emotionalen Donnerschlags“ (11), der an den Untergang des Kalifats von Bagdad im Jahr 1258 anknüpft und für einen Teil der arabisch-sunnitischen Welt nun „die Renaissance des absoluten Islam“ (140) verkörpert, sei dem Westen allerdings gänzlich entgangen. Näher beleuchtet werden sodann das Alltagsleben und die Organisationsstruktur im Kalifat, die „Finanzstrategie“ der „reichsten Terrororganisation der Welt“ (96), ihre militärischen Fähigkeiten und ihre theologische Fundierung im „Takfirismus“ (78) des 7. Jahrhunderts. Besonderes Augenmerk erfahren die extreme Brutalität der Dschihadisten, die sich bei ihrem gewalttätigen Handeln explizit auf Koran und Sunna berufen, sowie deren Vermarktung im Zuge einer hochprofessionellen „Medienpolitik“ (74). Diese ziele zum einen auf die Auslösung kampfkraftzersetzenden Entsetzens unter den militärischen Gegnern, zum anderen auf die weltweite Rekrutierung „potentieller Kandidaten für den Dschihad“ (76) – beides durchaus erfolgreich.

Ein drittes Kapitel widmet sich den Veränderungen der geopolitischen Lage durch den IS und seine Sympathisanten, deren Gruppierungen sich inzwischen von Libyen, Algerien und Nigeria bis zum indisch-pakistanischen Grenzgebiet und den Philippinen erstrecken. Besonderes Augenmerk schenken die Autoren dem Zickzackkurs Saudi-Arabiens, dessen Norden ein „potentielles Eroberungsgebiet“ (111) des IS darstellen dürfte, der zwiespältigen Rolle des finanzstarken internationalen Salafismus-Förderers Katar und dem hochproblematischen türkischen „Eiertanz“ (116) der jahrelangen stillschweigenden Unterstützung von ISIS/IS mit dem Ziel einer „Schwächung der kurdischen Sphäre“ (117). Kritisch kommentiert wird nicht zuletzt aber auch das Fehlen eines überzeugenden politischen Konzepts der westlichen Staaten – allen voran der USA – und ihrer Verbündeten im Nahen Osten.

Abgerundet wird der Band schließlich durch zwei kurze Kapitel. Unter der Leitfrage „Ist der Islamische Staat zu stoppen?“ (139) entwickelt das erste von ihnen drei mittelfristige Zukunftsszenarien: Szenario 1 skizziert die düsteren Folgen eines Sieges des IS und einer dauerhaften Stabilisierung des Kalifats. In Szenario 2 gelingt es zwar, den IS zu zerschlagen, die Lage in der Region bleibt aber instabil. Als erstrebenswert erscheint einzig Szenario 3, die Niederlage des IS und Befriedung der Region. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es für die Autoren entweder der „schiitischen Karte“ (143) – einer Einkreisung des IS durch Syrien unter Assad, Kurdistan, Iran und Südirak mit anschließender Reduzierung der IS-Territorien unter militärischer Mithilfe Russlands. Alternativ müsse die „sunnitische Karte“ (144) gespielt werden – Umstimmung der sunnitischen Stämme im Irak mit Hilfe der Türkei und Saudi-Arabiens durch eine Politik der Großzügigkeit und die Gewähr, den Staat in seinen historischen Grenzen zu erhalten.

Zum Abschluss blicken Olivier Hanne und Thomas Flichy de la Neuville auf die aktuellen Entwicklungen in Europa. Am Beispiel der Pariser Attentate vom 7. Januar 2015 verdeutlichen sie, dass die Berufung auf den IS auch islamistischen Terroristen hierzulande ermöglicht, ihre Taten zu legitimieren und in einen klar definierten Rahmen einzuordnen. Dass es auch vor diesem Hintergrund und einer rasant steigenden Anzahl radikalisierter Rückkehrer in die Heimatländer unumgänglich ist, dem „arabisch-sunnitischen Traum von der Revanche an der Geschichte und der uralten Idee einer Wiederbelebung des islamischen Kalifats“ (148f.) ein Ende zu bereiten, bildet den alarmierenden Schlussakkord dieses lesenswerten Bandes.

Philipp W. Hildmann

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