Druckfrisch: Lord Acton und die religiösen Grundlagen der liberalen Gesellschaft

Apr 15th, 2015 | von: | Kategorie: Monographien

Wie lässt sich die Freiheitlichkeit liberalen Denkens mit der Überzeugung christlichen Glaubens vereinbaren? Auf welchen religiösen Grundlagen ruht die freiheitliche Gesellschaft? Lord Acton, einer der bedeutendsten Liberalen Europas, hat auf solche Fragen im 19. Jahrhundert überraschend moderne Antworten gefunden, die unsere Diskussionen bis heute bereichern können. Ein soeben erschienener Band erinnert an den großen Europäer und rückt seine bemerkenswerten Thesen in den Mittelpunkt heutiger Debatten.

Wer John Emerich Edward Dalberg Acton (1834 bis 1902) heute liest, ist überrascht. Es begegnet dem Leser ein Mensch, von dem man glauben könnte, er sei unser Zeitgenosse. Ein freier Geist, den die Suche nach Wahrheit nicht zur Ruhe kommen ließ. Als politischer und historischer Autor kämpfte er im 19. Jahrhundert gegen jede Form der Zusammenballung von Macht. Gründe genug, ihm – und seiner Sicht auf den Zusammenklang von Religiosität und Liberalität – wieder mehr Aufmerksamkeit und Beachtung zu schenken.

Lord Acton war eine in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte und dem Denken unserer Zeit nahe Persönlichkeit. Seine überragende, vielseitige Gelehrsamkeit beeindruckt noch heute. Acton war Europäer von Geburt und Herkommen. Das Licht der Welt erblickte der Kosmopolit in Neapel. Väterlicherseits stammte er aus einem alten englisch-katholischen Geschlecht. Seine Mutter kam aus dem deutschen Fürstenhaus Dalberg. Verheiratet war Acton mit der bayerischen Gräfin Marie Arco-Valley. Tegernsee war über lange Zeit sein Lebensmittelpunkt – und wurde zum Zentrum eines regen geistigen Austausches. Hier traf sich Acton immer wieder mit seinen beiden engsten Freunden zu politischen und historischen Debatten, dem viermaligen britischen Premier William Ewart Gladstone und Ignaz von Döllinger, seinem Lehrer aus gemeinsamen Münchner Tagen, einem Wissenschaftler von hohem Rang.

Viele Debatten kreisten um die Frage, welchen Einfluss das Christentum auf die europäische Geschichte genommen hat. Diese Frage war für Acton das leitende Motiv seiner Forschungen – und sie ist ihm schon in jungen Jahren zum Lebensthema geworden. So steht er uns heute vor Augen: als Geschichtsschreiber der Freiheit. Unter diesem Namen wird er in den Lexika vorgestellt. 1895, sieben Jahre vor seinem Tod, wurde er schließlich zum Regius Professor of Modern History nach Cambridge berufen – jene Universität, deren Türen ihm wegen seiner Konfession als Student verschlossen geblieben waren, anerkannte ihn als Geistesgröße.

Ausgehend von einer internationalen Konferenz der Hanns-Seidel-Stiftung in Wildbad Kreuth ist nun ein Band erschienen, der Lord Acton, sein Leben und Wirken, sein Nachwirken und Vordenken in den Mittelpunkt stellt. Sein Ziel ist es nicht allein, einen der bedeutendsten Liberalen in Europa wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dieser Geschichtsschreiber der Freiheit kann uns mit seiner reichen Gedankenwelt helfen, auch Antworten auf die Fragen von heute zu finden: Auf welchen religiösen, auf welchen christlichen Grundlagen ruht die freiheitliche Gesellschaft? Wie lässt sich die Freiheitlichkeit liberalen Denkens mit der Überzeugung christlichen Glaubens vereinbaren? In welcher Beziehung steht die Freiheit des Denkens zu einer Bindung im Glauben?

Der Band versammelt Reflexionen und Antworten von Horst Möller, Victor Conzemius, Alexander Dörrbecker, Hans Otto Seitschek, Philipp W. Hildmann, Johann Christian Koecke, Lothar L. Kettenacker, Christiane Liermann, Dominik Burkard, Winfried Becker, Rudolf Uertz, Clemens Schneider, Michael Zöller, Karen Horn, Samuel Gregg und Christoph Böhr.

 

Glaube, Gewissen, Freiheit. Lord Acton und die religiösen Grundlagen der liberalen Gesellschaft. Hrsg. von Christoph Böhr, Philipp W. Hildmann, Johann Christian Koecke. Wiesbaden: Springer VS 2015. ISBN: 978-3-658-08287-1.

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