Innenansichten aus Syrien

Apr 1st, 2015 | von: | Kategorie: Rezensionen

In der aktuellen Ausgabe der “Politischen Studien” findet sich meine Rezension von Larissa Benders bemerkenswertem Band über Syrien:

Larissa Bender (Hg.): Innenansichten aus Syrien. Frankfurt am Main: Edition Faust 2014. 296 Seiten. 24,00 Euro.

Die meisten Menschen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland geflohen sind und einen Erstantrag auf Asyl gestellt haben, kommen aus Syrien. 39.323 waren es exakt. Ihre Zahl wird auch 2015 kaum kleiner werden. Was treibt diese Männer, Frauen und Kinder, ihre Heimat zu verlassen, um sich auf den fast ausschließlich illegalen und damit überaus gefahrvollen Weg ins Exil zu machen? Eine Vielzahl von Gründen bieten Larissa Benders „Innenansichten aus Syrien“.

In ihrer Vorbemerkung ruft die Herausgeberin, Islamwissenschaftlerin und Syrien-Tutorin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, zunächst die Hintergründe und Fakten dieser „apokalyptisch anmutenden Katastrophe“ (10) unseres noch jungen Jahrhunderts in Erinnerung. Sie nimmt den Leser hinein in den hoffnungsvollen Aufbruch 2010/2011, als „Freiheit“ und „Demokratie“ zu den Parolen einer Protestbewegung wurden, die, ermutigt durch die Aufstände des vermeintlichen Arabischen Frühlings, fünfzig Jahre Herrschaft der Baath-Partei und vierzig Jahre Unterdrückung durch den Assad-Klan abschütteln wollte. Das Regime reagierte mit kompromissloser Härte. Dreieinhalb Jahre später wird die Zahl der Toten auf fast 200.000 geschätzt. Millionen Menschen sind verletzt, verstümmelt, traumatisiert. Über neun Millionen sind auf der Flucht, drei Millionen davon im Ausland, drei Viertel von ihnen sind Frauen und Kinder. Wer geblieben ist, ist „mit dem Überleben beschäftigt“ (17), vereinsamt, riskiert den Tod durch Folter, Fassbomben, Napalm, Phosphor, Sarin, Aushungern oder den allgemeinen Mangel an Ärzten und Medikamenten. Das Land ist verwüstet, das Bildungssystem fast vollständig zerstört. Und auch im vierten Kriegsjahr blickt die Weltöffentlichkeit weitgehend tatenlos auf diese in der jüngeren Geschichte beispiellose Tragödie.

Der vorgelegte Band unternimmt den Versuch, aus der Innenperspektive der Betroffenen heraus zu dokumentieren, wie die Menschen in Syrien die Vernichtung ihrer Heimat erleben, „unter permanenter Lebensbedrohung“ (114) zwischen Depression und Hoffnung ihren Alltag zu meistern versuchen sowie authentisch „bezeugen, was in diesem Schlachthaus geschieht“ (221). Hierzu hat die Herausgeberin zahlreiche Texte der bedeutendsten Autoren der syrischen Gegenwartsliteratur zusammengetragen, die seit Herbst 2013 geschrieben wurden. Ergänzt werden diese von Interviews syrischer Intellektueller und wissenschaftlichen Analysen. Insbesondere zwei Hauptthemen sind es, die in den überwiegend von Vertretern der säkularen Opposition – darunter zahlreiche Alawiten, Christen und Kurden – verfassten Beiträgen aufgegriffen werden:

Zum einen die Brutalität und die Unterdrückungsmaschinerie des syrischen Baath-Regimes und der Familie Assad in den Jahrzehnten vor, besonders aber seit Ausbruch der Revolution bis heute. Die in Damaskus ausharrende Schriftstellerin Salma Salim erinnert in ihrem Beitrag etwa an die bekannt gewordenen „50.000 Fotos“ aus einem syrischen Militärkrankenhaus „von 11.000 Inhaftierten, die unter der Folter gestorben sind“ (169), ihr Kollege Omar Kaddour an das „Chemiewaffenmassaker“ (115) mit mehr als 1.300 zivilen Opfern in der Ghouta bei Damaskus vom August 2013 – genau ein Jahr, nachdem Barack Obama seine vermeintlich ‚rote Linie‘ gezogen hatte. Für Fawwaz Haddad, den auch hierzulande viel gelesenen Autor, sind es gerade diese Gewaltexzesse, welche die fatale Anziehungskraft der dschihadistischen Milizen mit zu verantworten haben: „Die exemplarische Bestrafung der jugendlichen Demonstranten durch das Regime trieb diese jungen Leute im Laufe der Zeit in die Arme der bewaffneten Revolutionäre. Unter Artilleriebombardement hatten die jungen Männer den Geschmack der Freiheit gekostet, und nun gab es für sie kein Zurück mehr. Doch weil sie keinen Beistand fanden außer Gott, ist immer und überall ein Satz zu vernehmen, der […] sich seinen Weg kraftvoll in den tiefschwarzen Himmel bahnt: ‚O Gott, wir haben niemanden außer dir!‘“ (34)

Damit ist der zweite Themenstrang intoniert, der den Band durchzieht: Das fassungslose Unverständnis der meisten Autoren darüber, dass im 21. Jahrhundert die Armee und die Sicherheitskräfte eines Staates mit Hilfe von Milizen aus dem Libanon, Iran und Irak das eigene Volk töten und vertreiben können, ohne dass die internationale Gemeinschaft erkennbar einschreitet. Dieses „Schweigen der Welt“ (63), so der Tenor des gesamten Buches, habe den Glauben der meisten Syrer an Werte wie Demokratie und Menschenrechte, für die gerade die westlichen Gesellschaften stehen oder zu stehen vorgeben, zutiefst erschüttert. „Wir konnten nicht glauben“, so Omar Kaddour exemplarisch nach dem erwähnten Giftgaseinsatz, „dass die ganze Welt mit einer derartig verachtenden Gleichgültigkeit den Blick abwandte von unserem Sterben.“ (117) Folgerichtig erzählt Syrien für die Filmemacher Ali Atassi und Ziad Homsi deshalb auch „die Geschichte der international gelähmten Humanität“ (175). Und insbesondere der Beitrag Petra Beckers von der Stiftung Wissenschaft und Politik über die „verpassten Chancen“ (209) – angefangen vom ersten Veto Russlands und Chinas im UN-Sicherheitsrat über das Ausbleiben des angekündigten amerikanischen Militärschlags bis zum Scheitern der Genf-II-Konferenz – liest sich in diesem Zusammenhang wie eine Chronik des kollektiven Versagens aller globalen Instanzen und der sogenannten ‚freien Welt‘.

Neue Ansätze, was die internationale Gemeinschaft jenseits der bekannten Forderungen nach Unterstützung der moderaten Kräfte mit Nahrung und Waffen, Ausübung von Druck auf die staatlichen und nichtstaatlichen Financiers der radikalen Gruppen und des Regimes, Schaffung und Überwachung von humanitären Korridoren und Flugverbotszonen etc., konkret tun sollte, sind allerdings auch in diesem Band rar gesät. Dies bleibt eine kritische Leerstelle, die den Autoren angesichts der offensichtlichen Rat- bzw. Willenlosigkeit der internationalen Akteure aber kaum vorzuwerfen sein dürfte.

Dessen ungeachtet sind diese „Innenansichten aus Syrien“ unbedingt lesenswert. Die herausfordernde Lektüre rechtfertigen wenigstens vier Erkenntnisse: Zum einen wird man nach den knapp 300 Seiten deutlich verständnisvoller auf diejenigen blicken, die dieser syrischen „Kriegshölle“ (220) entkommen sind und hier Schutz und Hilfe suchen. Zweitens unterstreicht jedes einzelne Schicksal dieses Buches die Dringlichkeit der im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD anvisierten gemeinsamen europäischen Initiative zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge. Drittens lenken diese Texte unsere Aufmerksamkeit wieder auf Baschar Al-Assad, der im Schatten der internationalen Front gegen den Islamischen Staat weitgehend unbehelligt, aber in unverminderter Härte Verbrechen gegen die Menschlichkeit an seinem eigenen Volk begeht. Viertens macht dieser Band Hoffnung, dass sich unter den drei Dutzend Autoren nicht wenige Intellektuelle befinden dürften, die bereit und fähig sind, ein freies und menschenwürdiges Syrien aus den Trümmern heraufzuführen, sobald das bisherige Terrorregime an sein Ende gekommen ist – und sie bis dahin überlebt haben.

 Philipp W. Hildmann

 

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